„Schwierige“ Kinder in unseren JungschargruppenJungschar macht Spaß. Die Freizeit für Kinder gestalten, Begabungen sinnvoll einbringen, wichtige Werte vermitteln und schöne Stunden mit den Jungscharkindern erleben – deshalb machen wir Jungschar.
Andererseits sind die Kids manchmal auch ganz schön schwierig und bringen uns an unsere Grenzen. Hier sind ein eigener, sicherer Standpunkt und Konfliktmanagement gefragt. Der Beitrag soll Hilfestellung zu dieser anspruchsvollen Aufgabe bieten.
Wer sind diese Kinder, über die wir hier reden? Was tun sie? Wie erleben wir sie? Welche Auswirkungen hat ihr Verhalten auf mich als Mitarbeiter und auf die Gruppe? Junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden zu dem Thema befragt. Sie gaben schwerpunktmäßig folgende Antworten:
Die Kinder (vor allem Jungen) sind hyperaktiv und bringen durch ihre Unruhe, oftmaliges Stuhl-Umkippen, usw. und sonstige ständige Aktivitäten Stress in die Gruppe.
Kinder folgen den Anweisungen der Mitarbeitenden nicht, tun, was sie wollen, geben freche Antworten, halten sich nicht an Spiel- und Gruppenregeln.
Kinder (wieder in erster Linie Jungen) stören den Programmablauf durch auffälliges Verhalten wie Ungehorsam, nicht zuhören, Zwischenrufe (v.a. bei der Andacht/Geschichte) zu unpassenden Themen und unpassender Zeit, scheinbar grundloses Herumrennen.
Kinder verhalten sich anderen gegenüber aggressiv, was sich in Schlägereien, Herumwerfen von Einrichtungsgegenständen bis hin zum Kontrollverlust („totalem Ausrasten“) äußert.
Kinder beteiligen sich nicht am Programm, sind gelangweilt, finden alles, was angeboten wird, doof, ziehen sich zurück oder stören die übrigen Kinder.
Kinder sind sehr schüchtern, trauen sich nicht, bei Spielen oder anderen Aktivitäten mit zu machen, bleiben bei Gruppenwahlen immer übrig, sind schnell beleidigt , verstecken sich manchmal sogar oder laufen weg.
Diese Aufstellung beinhaltet nur einige, häufig vorkommende Schwierigkeiten von Kindern. Wenn ich an manche Kinder meiner Gruppe denke, kann sich schon die Frage aufdrängen: „Warum tue ich mir das jede Woche an? Warum ärgere ich mich mit den chaotischen Kindern anderer Leute herum?“
Hier tut ein Perspektivenwechsel gut: Natürlich weiß ich, warum ich Jungschar mache. Ich will etwas Gutes für die Kinder tun. Ich will den Auftrag Jesu annehmen, selbst den Kleinsten von ihm und seiner einzigartigen Botschaft zu erzählen.
Jesus stellt die Kinder als besondere Menschen hin, die unserer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Auch zur Zeit Jesu sind nicht alle Kinder einfach und angenehm gewesen. Ob es uns gelingt, (auch die „schlimmsten“) Kinder mit den Augen Gottes zu sehen? Gelingt es uns, Kinder trotz ihrer Schwächen zu akzeptieren und wert zu schätzen? Wenn wir uns überlegen, welche Ursachen die Schwierigkeiten der Kinder haben könnten, fällt uns dies vielleicht leichter: Schwierige Kinder sind Kinder mit Schwierigkeiten:
Lebensformen und -möglichkeiten von Kindern werden zunehmend unterschiedlicher, individueller und komplizierter. Die wichtigsten Bereiche:
Über Ziele und Werte klar werden
Wohin wollen wir mit unserer Jungschar? Welche Werte sollen vermittelt werden, durch welche Regeln und Maßnahmen soll die Erreichung dieser Ziele gefördert werden? Nur wenn wir einen eigenen (als Team gemeinsamen) Standpunkt haben, können wir beurteilen, ob gewisse Verhaltensweisen von Kindern diesen Zielen und Werten entsprechen, oder ihnen entgegen stehen.
Einfache (vielleicht mit den Kindern zusammen erarbeitete), zumindest allen bekannte und erklärte Regeln bieten einen klaren Rahmen für die Zeit der Jungschar. Werden Regeln nicht befolgt, oder Werte ständig missachtet, müssen wir handeln. Nichts tun bedeutet, wir akzeptieren abweichendes Verhalten. Deshalb vorher genau überlegen, was sind Folgen für einen Verstoß gegen die Regel. Eine gewisse Kenntnis über Entwicklungsstand und Bedürfnisse der Kinder ist hier Voraussetzung für das Aufstellen angemessener Ziele und Regeln. Wenn mir klar ist, dass Kinder im Jungscharalter (vor allem Jungen) einen großen Bewegungsdrang haben, erwarte ich nicht, dass die Kids eine Stunde lang interessiert meiner Andacht zuhören. Wenn ich weiß, dass das Austragen von Konflikten mit Gleichaltrigen eine wichtige Entwicklungsaufgabe meiner Kinder ist, verlange ich nicht, dass es unter Jungscharlern keinen Streit geben darf.
Als Mitarbeitende sind wir immer auch Vorbilder (gute oder schlechte). Unsere entscheidenden Werte vermitteln wir vor allem dadurch, dass wir sie selber echt, überzeugt und überzeugend vorleben. Regeln gelten auch und in erster Linie für uns Mitarbeitende.
Verzichten wir selbst auf jede Form von Gewalt (auch den kleinen Tritt oder Klaps – auch Worte können verletzen), wenn wir ein friedliches Miteinander von den Kids verlangen? Ist Ehrlichkeit, Fairness, Gerechtigkeit in unserem Verhalten den Kindern gegenüber (und unter Mitarbeitenden) eindeutig zu erkennen, wenn wir dies den Kids als den richtigen Weg „predigen“?
Die Reflexion meines eigenen Verhaltens und die ehrliche Rückmeldung unter Teammitgliedern sind hilfreich und notwendig.
Bemühen wir uns, das Kind als Persönlichkeit zu sehen, als Original mit starken, liebenswerten, und eben auch schwachen Seiten. Reduzieren wir also das Kind nicht auf seine Schwierigkeiten.
Wenn wir ein Kind wegen seines schwierigen Verhaltens „abschreiben“, es ignorieren oder des Raumes verweisen, brechen wir die Kommunikation ab. So kann man keine Konflikte lösen. Vielmehr müssen wir versuchen, im Gespräch mit dem betroffenen Kind (unter vier Augen) klar zu machen, dass wir es gerne in unserer Gruppen haben, aber (wie überall) zu bestimmten Bedingungen, mit bestimmten Regeln. Oft reicht es schon, einem Kind bewusst zu machen, was es mit seinem Verhalten auslöst. Der Verweis aus der Gruppe sollte die letzte Möglichkeit sein.
Da oft die Gruppe als Ganzes vom Fehlverhalten eines einzelnen Kindes betroffen ist, kann es durchaus angebracht sein, die anderen Kinder ins Problem und das Suchen nach Lösungswegen zu beteiligen. Wie fühlt ihr euch, wenn…, was geschieht mit unserer Gruppe/ unserem Programm, wenn …, habt ihr Ideen, wie wir das Problem lösen können? Betroffene Kinder erweisen sich hier oftmals als toleranter und ideenreicher als wir Erwachsenen. Hier muss natürlich darauf geachtet werden, das das betreffende Kind nicht bloßgestellt oder gekränkt wird.
Auch das Gespräch mit den Eltern betroffener Kinder kann uns weiter helfen. Sie kennen ihr Kind in der Regel ja sehr gut, machen ähnliche (oder ganz andere?) Erfahrungen. Vielleicht lässt sich mit vereinten Kräften eine Lösung finden.
Gemeinschaft, Kooperation, „Gemeinsam sind wir stark“, „Ich bin wertvoll“ – alles Themen für die Jungschar, an denen Kinder in der Regel großes Interesse haben. Spielerisch, erlebnispädagogisch, kreativ, Gespräche, (Bibel-)Geschichten – methodisch ist fast alles möglich.
Vor allem Freizeiten mit ihrem dichten Gemeinschaftserlebnis eignen sich, um dem Thema auf die Spur zu kommen. Die Kinder merken schnell, dass es um mehr als ein Thema, nämlich um sie selber geht. Es gibt gute Literatur zu diesen Themen (siehe auch Buchtipps), vielleicht könnt ihr eine Jugendreferentin oder einen Jugendreferent dazu einladen.
Besprecht eure Sicht und Schwierigkeiten mit eurem Team. Vielleicht leiden andere ebenso unter der Situation, vielleicht sehen sie das Ganze auch total anders. Mitarbeiterkreise, Gespräche mit dem Mentor oder Seelsorger machen das Tragen leichter oder führen zu neuen Ideen.
„Schwierige“ Kinder fordern uns heraus. Lassen wir uns nicht durch Schwierigkeiten mit unseren Kids belasten, sondern nehmen wir die Herausforderung an! Wir sind ja nicht alleine. Kinder sind es wert, dass wir unsere ganze Kreativität und Liebe für sie investieren. Viel Freude und gute Erfahrungen dabei!
Walter Hieber